Gewusel ist kein Hindernis

Wer in Berlin lebt, weiß, dass diese Stadt unter normalen Bedingungen nie stillsteht. An jedem Tag, zu jeder Zeit ist irgendwo etwas los. Es gibt zahlreiche Messen sowie Volks- und Straßenfeste, die in der Hauptstadt stattfinden. Und jede Person, die eine solche Veranstaltung schon einmal besuchte, kennt auch den dazugehörigen Trubel, das Gewusel und das Gedränge. Der 54-jährige Luxemburger Alain Forotti liebt es, genau dort mitten drin zu sein. Egal, ob Grüne Woche, ein großes Parkfest oder unbekannter Rummel, der hochgradig sehbehinderte Mieter des Blindenhilfswerkes Berlin e.V. ist dabei. 

Herr Forotti, in Berlin haben Sie nur Ihren Zweitwohnsitz. Eigentlich wohnen und arbeiten Sie in Luxemburg. Wie kam es dazu, dass sie zwei Wohnungen haben und keine davon aufgeben?

Ich bin 1991 nach Berlin gekommen, unter anderem um zu studieren und weil ich hier auch Freunde hatte. Im Januar 1993 habe ich meine Wohnung im Blindenhilfswerk Berlin bezogen. Bereits damals war hier einfach mehr los. Während es in Luxemburg zu dieser Zeit zwei, drei Konzerte im Jahr gab, war das in Berlin täglich der Fall. Erst 2014 bin ich zum Arbeiten wieder zurückgegangen. Bis dahin war ich freiberuflich tätig. In Luxemburg wurde mir eine Festanstellung angeboten, der ich bis heute nachgehe. In einer Art Medienzentrum entwickeln wir Bücher für blinde Schüler*innen, die integrativ beschult werden.

Letztendlich fühle ich mich aber in Berlin wohl. Luxemburg finde ich immer noch stinklangweilig. Die meisten Menschen unternehmen dort wenig, finden alles zu weit weg, obwohl man höchstens zwei Stunden von einem Winkel zum anderen Winkel des Landes benötigt. Und deswegen gebe ich meine Wohnung in Berlin nicht auf und versuche so oft wie möglich da zu sein, um hier mein Leben zu genießen

Wie oft im Jahr sind Sie ungefähr hier? Wie lange fahren Sie von Luxemburg nach Berlin?

Im Normalfall versuche ich so viele Überstunden wie möglich zu machen, damit ich freitags herkommen und sonntags wieder zurückfahren kann. Letztendlich bin ich dann etwa drei Mal im Monat in Berlin, auch mal öfters oder seltener. Für eine Fahrt brauche ich insgesamt etwa zehn Stunden. Durch Corona ist aber gerade alles nochmal etwas anders.

Was machen Sie richtig gerne in Berlin?

Hier kann man einfach so viel machen. Besonders freue ich mich, wenn ich Straßenfeste und ähnliche Dinge besuchen kann. Da lasse ich mich gerne kulinarisch verwöhnen.
Auf Messen, zum Beispiel bei der Grünen Woche, kann ich aus sechzig, siebzig Ländern Sachen probieren. Da gehe ich dann auch mal zwei, drei Mal hin, um beispielsweise in der Ukraine-Halle, ukrainisch zu essen. Das mag ich einfach total.
Was ich genau unternehme, hängt aber sehr davon ab, wie lange ich hier bin und ob meine Freunde Zeit haben. Ich freue mich, wenn ich Neues erleben kann – in ganz Berlin, nicht nur in meinem Kiez. Man kann spontan sein. Nach spätestens zehn Minuten Fußweg gibt es eine Bus- oder Bahnverbindung. In Luxemburg kommt man an sich bequemer von A nach B, weil es einen Beförderungsdienst für Senioren und behinderte Menschen gibt, aber dadurch muss man an sich gar keine Wege alleine gehen können. Wäre ich nach der Schule in Luxemburg geblieben, wäre ich sicher nicht so selbstständig geworden.

Straßenfeste, Messen, Konzerte und andere Großveranstaltungen sind oft unübersichtlich und laut. Nicht selten wird man angerempelt und es wird dort ordentlich gedrängelt. Wie kommen Sie damit zurecht?

Es gibt schon mal Ausnahmen, aber im Normalfall gehe ich nur mit einer Begleitung zu solchen Veranstaltungen. Und dann macht es mir auch gar nichts aus, wenn es irgendwo voll ist, wenn ich dafür zum Beispiel eine tolle Litschi-Bowle bekomme. Ohne Begleitpersonen läuft das allerdings irgendwie nicht so gut – sie sind sehr wichtig. Ich war mal alleine auf dem Deutsch-Französischen Volksfest, vor allem wegen des Essens. Mehr durch Zufall habe ich dann Pommes gegessen, was schon okay war, weil ich sie selbst gefunden habe. Aber eigentlich ist mir das zu banal.

Solche Veranstaltungen sind nicht so richtig barrierefrei für blinde und sehbehinderte Menschen, oder?

Nee, die Messen werden beispielsweise ja auch jedes Jahr neu aufgebaut. Wenn eine Messe vorbei ist, geht gleich eine neue los. Da kann man das nicht erwarten, dass alles immer in Reih und Glied steht. Manchmal ist es dann schon schwierig, wenn einfach irgendwo ein Weg im Nichts endet. Das ist natürlich nicht cool, aber ich bin ein Mensch, der so ungern verzichtet. Und deswegen mache ich das eben alleine, wenn keiner mit will.

In den letzten 1 ½ Jahren mussten gerade die eben genannten Veranstaltungen fast alle aufgrund von Corona ausfallen. Wie ging es Ihnen damit?

Meine Antwort ist vielleicht eine Überraschung: Das hat mich gar nicht gestört und ich bin gut damit klargekommen. Ich habe da ein Prinzip: Wenn die Veranstaltung nicht stattfindet, stört mich das nicht. Mich stört es nur, wenn sie stattfindet und Alain ist nicht da. Natürlich habe ich mich schon gefreut, als nach den vielen Monaten mal wieder was los war und man einfach wieder ins Restaurant gehen konnte.

Auf was freuen Sie sich in der nächsten Zeit am meisten?

Eine ganz klare Sache: Ich freue mich besonders aufs Reisen. Das ist eine meiner Leidenschaften. Ich war bereits in 62 Ländern. Mit meiner Freundin, mit der ich seit Februar zusammen bin, reise ich hoffentlich im Oktober nach Skandinavien. Ich möchte ihr Dänemark und Schweden zeigen.

 

Das Bild zeigt Elfi Schwab.
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