Posted on

„Ich fühle was, was Du jetzt siehst“

Dauerausstellung der Berlinische Galerie – auf dem Weg zum barrierefreien Museum.

Behutsam tastet Reiner Delgado, Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, den feinen schwarzen Stoff vom Ballkleid einer anmutigen und elegant wirkenden Tänzerin ab. Vor ihm liegt, eingelassen in einer Sitzbank, ein Tastrelief. Beim Originalbild handelt es sich um das Ölgemälde „Tänzerin Baladine Klossowski (Merline)“ von Eugen Spiro (1874-1972).

Von nun an können Besucherinnen und Besucher sieben ausgewählte Gemälde mit ihren Händen erkunden. Die Kunstwerke sind auf ganz unterschiedliche Weise taktil erfahrbar. Jedes Werk wurde individuell gestaltet und mit großer Sorgfalt geplant.

Zusätzlich zu den Tastmodellen gibt es eine inklusive Museumsapp mit 17 Stationen zu den wichtigsten Werken. Um dorthin zu gelangen, folgen blinde Besucherinnen und Besucher dem taktilen Bodenleitsystem, orientieren sich an einem tastbaren Orientierungsplan oder den Schildern in Brailleschrift.

Das Projekt „Kultur mit allen Sinnen“ ist eine zweijährige Kooperation zwischen der Berlinischen Galerie und dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV). Besondere Förderung bekamen die Beteiligten von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und der Aktion Mensch.

Thomas Köhler, Museumsdirektor der Galerie, wollte „… auch das Herzstück unserer Sammlung für Blinde und Sehbehinderte zugänglich machen“.

Eine enge Zusammenarbeit mit vielen Akteuren hat etwas Einzigartiges geschaffen und berechtigterweise kann er stolz sagen: „Das ist etwas ganz Besonderes und ganz Neues, was es bisher in Deutschland nicht gab.“

Reiner Delgado ist tief bewegt. Er hat in der Zeit der Zusammenarbeit viel über Kunst gelernt und betont auch, dass es sich die einzelnen Mitglieder nicht immer einfach gemacht haben. Es war ein intensiver Diskussionsprozess. Ein Prozess der Annäherung und des Verstehens. „ Kunstmuseen sind ein bisschen eigen mit ihrer Kunst. Ich musste erst lernen, dass man nicht beliebig alles machen kann.“  So wurde zwischen den Blinden und Sehenden, den Kunstverehrern und –gelehrten, den Audio- und den Textexperten viel debattiert. Entscheidungen, wie bei der taktilen Umsetzung beim kubistischen Gemälde „Synthetischer Musiker“ (1921) von Iwan Puni etwa, fielen nicht leicht. Delgado erklärt: „Auf dem Bild erkennt man nicht, ob es eine Flöte oder eine Trompete ist“ und „Wir wollten, dass man auch als Blinder darüber rätseln kann.“

Mit Sicherheit werden viele blinde Besucherinnen und Besucher viel Freude am rätseln in dieser ganz besonderen Ausstellung haben.