Theater, Theater – aber barrierefrei

Ein Theaterbesuch oder selbst Theater zu spielen ist für Menschen mit Behinderungen meist etwas Besonderes. Für blinde und sehbehinderte Personen sind es dabei nicht unbedingt die baulichen Barrieren, die den Zugang erschweren. Dass beides aber möglich ist und großen Spaß machen kann, zeigten wir unseren Mieter*innen im Rahmen unserer Themenwoche „Theater, Theater“.

Mit einem geringen oder gar keinen Sehrest ein Theaterstück voll zu erfahren, ist zumindest im Regelfall problematisch. Das Bühnenbild, die Kostüme sowie die Mimik und Gestik der Schauspieler*innen sind einfach elementare Bestandteile eines Theaterstückes, die es erst komplett und verständlich machen.

Die Kulturinitiative Förderband e.V. möchte Theaterstücke auch für diejenigen zugänglich machen, die das nicht sehen können. Deshalb haben sie das Projekt „Berliner Spielplan Audiodeskription“ ins Leben gerufen, das die Barrieren im Theater für Menschen mit Seheinschränkungen abbauen soll. Zum einen durch Audiodeskriptionen, die live eingesprochen werden und über Kopfhörer für Betroffene hörbar sind. Alles, was zum Erfassen des Stückes relevant ist, aber eigentlich gesehen werden muss, wird hierbei beschrieben. Zum anderen haben blinde und sehbehinderte Besucher*innen die Möglichkeit das Theater im Voraus zu erfahren: in Form einer Bühnenbegehung oder durch die Beschreibung des Theaters mittels eines Tastmodells. Viele namhafte Berliner Theater, wie beispielsweise der Friedrichstadt-Palast, die Deutsche Oper und die Volksbühne machen mit.

Gemeinsam mit uns, dem Blindenhilfswerk Berlin, wollte der Berliner Spielplan Audiodeskription die Themenwoche „Theater, Theater“ nutzen, um blinde und sehbehinderte Menschen auf dieses Angebot aufmerksam zu machen und die Neugierde bei ihnen dafür zu wecken.

Hinter den Kulissen der Volksbühne

Auch wenn der Besuch eines Theaterstücks ein Erlebnis darstellt, ist der Blick hinter die Kulissen natürlich nochmal etwas ganz Besonderes. Anlässlich unserer Themenwoche erhielten wir vom Berliner Spielplan Audiodeskription und von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz deshalb ein exklusives Angebot: Wir wurden nicht nur als normaler Gast eingeladen, sondern durften vorbeikommen, um das ganze Theater kennenzulernen.

Im Rahmen einer dreistündigen Führung wurde das Haus von Interessierten mit Seheinschränkungen und ihren Begleitungen erkundet. Mitarbeitende der Volksbühne, Mitwirkende des Audiodeskriptions-Projektes und der jahrzehntelange Bühnenmeister Hans-Joachim Busch standen hierbei mit Informationen und Anekdoten zur Seite – vor, auf und hinter der Bühne. Wie groß ist die Bühne? Wie fühlt es sich an, wenn sie sich diese dreht? Wann wird alles auf- und wann wieder abgebaut? Diese und andere aufkommenden Fragen wurden beantwortet – durch die Mitarbeitenden selbst sowie durch eigene Erfahrungen, die gemacht werden konnten. Scheinwerfer, Requisiten, das Bühnenbild vom Stück „Jessica“ sowie eine Auswahl von Kostümen konnten ertastet und erfühlt werden. Jedem wurde dabei bewusst, wie viele Menschen, welcher enorme Aufwand und was für Technik nötig sind, um eine Aufführung – mit und auch ohne Audiodeskriptionen – auf die Beine zu stellen.

Das Engagement und die Organisation der Mitarbeitenden der Volksbühne war dabei beeindruckend und wunderbar. Dass das Thema Inklusion in diesem Theater eine große Rolle spielt, wurde ganz deutlich. Die teilnehmenden blinden und sehbehinderten Gäste verließen das Theater deshalb mit einem sehr positiven Bild. Einige waren zwar zum ersten Mal dort – der letzte Besuch bleibt es bei den meisten nach dieser tollen Veranstaltung aber sicher nicht.

He, du da! – Wer ich?

In andere Rollen schlüpfen – für unsere Ehrenamtliche Selin Kavak ist das Alltag, da sie hauptberuflich Schauspielerin ist. Einfach mal eine ganz andere Person sein, kann eine Erfahrung sein, die nicht nur Spaß macht, sondern auch stärkt. Gemeinsam mit theaterinteressierten Mietern organisierte sie deshalb einen kleinen Theater-Workshop, der ebenfalls in unserer Themenwoche „Theater, Theater“ stattfand.

Selbst Theater spielen? „Nein, nein. Das ist nichts für mich!“ – so die Antwort einer Mieterin, die wir im Vorfeld auf das Angebot aufmerksam machten. Letzten Endes konnten wir sie davon überzeugen, es einfach einmal auszuprobieren. Das Ziel des Workshops war dabei natürlich nicht ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, sondern in zwei Stunden erste Berührungspunkte herzustellen. Mit Warm-Ups sowie Auflockerungs- und Sprechübungen ging es los. Darunter fiel auch, einen identischen Dialog mit unterschiedlichen Emotionen zu zweit vorzutragen: „He, du da!“ – „Wer? Ich?“ – „Ja, du!“ – „Nein, ich doch nicht!“. Traurig, wütend, verliebt, aufgeregt – dieses kurze Gespräch wurde mit vielen Gefühlen und voller Enthusiasmus widergegeben. Auch das erzählen einer Geschichte war Teil des Workshops. Jede teilnehmende Person erhielt hierfür einen anderen Gegenstand. Die Aufgabe bestand darin sich eine kleine Geschichte auszudenken, in der dieser eine Rolle spielte. Dies fiel nicht allen leicht. Allerdings halfen sich die Teilnehmenden hier gegenseitig, indem sie Ideen und Inspiration beisteuerten, wodurch sich eine ganz eigene, wunderbare Dynamik entwickelte.

Die abschließende Blitzlicht-Runde machte deutlich, dass die meisten es nicht beim Schnuppern belassen wollten – eine sich regelmäßig treffende Theater-Gruppe wäre toll, bestätigte der Großteil der Teilnehmenden. Und auch die Teilnehmerin, die anfangs nicht dabei sein wollte, war begeistert: „Es hat großen Spaß gemacht! Wenn es so etwas nochmal gibt, bin ich auf jeden Fall dabei!“

Applaus für die Audiodeskriptionen

Am Freitag beendeten wir unsere Themenwoche „Theater, Theater“ mit einem Highlight: Zehn Menschen mit Seheinschränkungen sowie die gleiche Anzahl von Begleitpersonen machten sich auf den Weg zum Friedrichstadt-Palast, um die Revue „ARISE – Liebe ist stärker als die Zeit“ zu erleben. Ein Stück, dass nicht nur durch den Gesang spektakulär wird, sondern vor allem durch die Kostüme, den Tanz und den Bühnenbildern. Neugierig, wie die Vorstellung für die von Seheinschränkungen betroffenen Gästen wahrgenommen werden würde, waren deshalb alle.

Durch den frühen Einlass gab es kein Gedränge und keine Hektik. Die ausführlichen Erklärungen zum Aufbau des Theaters und die zuvorkommende Begleitung durch die Mitarbeitenden des Friedrichstadt-Palastes sorgten außerdem für einen entspannten Einstieg. Wichtige Informationen zum Haus, zur Bühne und dem Stück an sich waren eine halbe Stunde vor Beginn über Kopfhörer für die blinden und sehbehinderten Besucher*innen hörbar. Eingesprochen wurden sie von Anke Nicolai, die durch Live-Audiodeskriptionen durch die ganze Revue führte. Ihre Beschreibungen wurden für die zahlreichen Details und den angenehmen Sprechfluss in den höchsten Tönen von den meisten Hörerinnen und Hörern gelobt. Eine blinde Besucherin sagte am Ende voller Begeisterung: „Von ihr möchte ich ein Autogramm haben – das war so wunderbar!“ Die Begleitpersonen konnten dies beobachten. Bei den akrobatischen Showeinlagen fieberten die Menschen ohne Sehrest ebenso mit wie die sehenden Gäste – einfach, weil die Beschreibungen durch Anke Nicolai so mitreißend waren.

The Stage is yours!

Die Möglichkeiten eines barrierefreien Theaterbesuchs aufzuzeigen und Interesse für das Theaterspielen zu wecken, war das Ziel unserer Themenwoche „Theater, Theater“. Die Euphorie der Teilnehmenden der unterschiedlichen Veranstaltungen macht uns zuversichtlich, dass dies gelungen ist, sodass hoffentlich mehr Menschen mit Seheinschränkungen in Zukunft Theatervorstellungen besuchen oder selbst auf der Bühne stehen werden.

An dieser Stelle muss dem Berliner Spielplan Audiodeskription und allen teilnehmenden Theatern sowie Beteiligten großer Dank ausgesprochen werden. Mit ihrem Engagement setzen sie sich aktiv für Inklusion und Barrierefreiheit ein und bringen damit wichtige Steine ins Rollen. Diese Grundlage muss nun genutzt werden, damit sie weiter bestehen bleibt. Informationen und den aktuellen Spielplan mit Audiodeskription finden Sie hier: https://blog.theaterhoeren-berlin.de/

Ihre Ansprechpartnerin

Blindenhilfswerk Berlin e.V.

 

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