Vom geheimen Wunsch zum klaren Ziel

Stefanie Heller hat ein Ziel: Sie möchte in ihrer eigenen Praxis als Psychotherapeutin Menschen helfen. Lange Zeit war dieser Wunsch ihr Geheimnis. Sie hatte nicht gelernt, an sich selbst zu glauben und auch nicht, dass andere sie in ihrem Vorhaben unterstützen könnten. Ihre gemachten Erfahrungen ließen sie eher vermuten, dass man sie belächeln und ihr Traum ein Traum bleiben würde.

Mittlerweile hat sich vieles geändert. Die 32-Jährige kann das Abitur, einen Abschluss als Fachinformatikerin und einen Bachelor- sowie Masterabschluss der Psychologie vorweisen. Im Rahmen ihrer Therapeutenausbildung absolviert sie derzeit ein zweites Praktikum. Mit dem Ziel klar im Blick geht sie wie sie selbst sagt „Schrittchen für Schrittchen“ ihren Weg. Dabei ist sie sich darüber im Klaren, dass dieser auch zukünftig weder gerade noch eben ist. Mit einer sehr starken Sehbehinderung, durch die sie rechtlich als blind gilt, kannte sie es noch nie anders. Sie weiß inzwischen aber, wie man besser mit diesen Barrieren umgeht.

Bereits seit ihrer Geburt hat sie starke Probleme mit den Augen, die sich mit den Jahren zusätzlich verschlechterten. Weil die Sprachförderschule im Ort war und der Unterricht in kleinen Klassen stattfand, verbringt sie dort ihre Grundschulzeit. „Die Sonderstunden für die sprachbehinderten Kinder musste ich nicht besuchen, da konnte ich nachhause gehen.“, erzählt sie. Ab der 5. Klasse besucht Stefanie Heller dann ein Internat für Kinder mit Sehbeeinträchtigungen in Weimar.

Was anfangs noch in Ordnung war, ändert sich ab der 7. Klasse grundlegend. Die Verteilung der Schülerinnen und Schüler in die Haupt- und Realschule führt dazu, dass ihre Klasse eigentlich nur noch aus Mädchen besteht. Hier fühlt sie sich gar nicht mehr wohl: „Mädchen halt untereinander: Geläster, sozialer Ausschluss, jeder wurde mal durch den Kakao gezogen. Und ich war da mit einer Freundin irgendwie der Bodensatz“.

Sie beginnt viel zu grübeln – und sich für Psychologie zu interessieren. „Im Fernsehen habe ich alle möglichen Dokumentationen aufgesogen“, erzählt sie. An ihrem Selbstbewusstsein ändert das allerdings wenig. „Ich habe mich mit dem Abschluss schwergetan. Ich hatte sehr Angst. Mir wurde immer gesagt beziehungsweise vermittelt, dass ich zu dumm bin, dass aus mir nix wird.“ Auch ihre Familie kann sie nur wenig ermutigen. Während die Mutter ihre eigene Perspektivlosigkeit aufgrund einer fehlenden Arbeit auf die Tochter überträgt, ist ihr Vater gestorben als sie zwei Jahre alt war. Auch ihr leichtes Übergewicht, das sie seit dem Vorschulalter begleitet, nagt an ihr: „Die Allgemeinheit sagt ja, dicke Menschen sind dumm und faul.“

Nach ihrem Realschulabschluss gibt es mehrere Möglichkeiten für sie. Von schulischer Seite her wird ihr nahegelegt nach Chemnitz ins Berufsbildungswerk für blinde und sehbehinderte Menschen zu gehen. Sie möchte mehr, sie will Abitur machen. Den Grund, nämlich ihr Traum vom Psychologiestudium, verrät sie keinem, auch nicht ihren Freunden. Zu sehr hat sie ihre Erfahrungen im Hinterkopf. „Als ich in der neunten Klasse im Rahmen eines Bewerbungstrainings gesagt habe, dass ich Psychologin werden möchte, wurde ich verspottet. Das war so eine Situation – die fand ich überhaupt nicht lustig. Ich habe mich seitdem sehr bedeckt gehalten.“, erklärt sie ihr Verhalten.

Obwohl sie auch in Weimar die Hochschulreife hätte erreichen können, ist das keine Option für sie . Sie geht nach Königs Wusterhausen. Bis heute bereut sie diese Entscheidung nicht: „Hier hatte ich meine beste Zeit!“ Ein kleines Zimmer für sich allein und ein eigener Laptop mit Internetzugang bedeuten ihr viel. Auch mit einer Erzieherin versteht sie sich richtig gut. Sie trinken Kaffee und unterhalten sich öfters über politische Themen. Sie sei dort aufgetaut, berichtet sie.

An sich glauben tut Stefanie Heller zu diesem Zeitpunkt aber noch immer nicht so richtig. Aus Angst den NC nicht zu schaffen und abgewiesen zu werden, entscheidet sie sich gegen eine Bewerbung an der Hochschule und für eine Ausbildung zur Fachinformatikerin in Chemnitz. „Das war nie mein Favorit, aber Technik braucht man immer.“ erklärt sie. Hier findet sie eine gute Atmosphäre vor und trifft auf nette Mitauszubildende. Sie wird selbstbewusster und traut sich wieder an ihren Traum heran. Sie bewirbt sich an den Universitäten in Potsdam und Berlin. Für Potsdam erhält sie durch das Härtefallverfahren zuerst die Zusage. Sofort beginnt sie alles in die Wege zu leiten, weshalb sie die spätere Zusage einer Berliner Uni nicht mehr berücksichtigen kann.

Mit viel Fleiß, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen schafft sie in vier Jahren den Bachelor und anschließend in drei Jahren den Master. Ohne externe Unterstützung schlägt sie sich durch den Unialltag, der nicht wirklich barrierefrei für sehbehinderte und blinde Menschen ist. Sehr viele Inhalte muss sie für sich erst erschließen und nutzbar machen. Zwei Onlinetools, nämlich das Buchungssystem und eine Medienplattform kann sie gut bedienen: „Die Power Points waren da als PDF abgespeichert. Das war gut.“ Und auch das Bibliothekspersonal begegnet ihr unterstützend: „Ich durfte ausnahmsweise auch Präsenzliteratur ausleihen und für mich zuhause einscannen.“

Der Aufwand ist allerdings hoch – Stefanie Heller verbringt ihre Freizeit nicht mit ihren Mitstudierenden in Cafés oder beim Unisport, sondern in ihrem Zimmer des Studentenwohnheimes, wo sie jede Seminar- und Vorlesungsstunde nacharbeiten muss. „Andere mussten das auch, aber als sehbehinderter Mensch ist das nochmal eine andere Nummer.“, berichtet sie. Und auch sonst kommt sie nur wenig mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen in Kontakt: „Ich habe mich leider immer vorne hinsetzen müssen. Wenn ich nichts sehen kann, dann muss ich wenigstens alles hören können. Die anderen saßen immer weiter hinten. Meistens waren sie dann auch schon draußen, wenn ich meine ganzen Sachen, wie Laptop und Diktiergerät, zusammengepackt hatte.“ Wenn sie jemand anspricht, dann wegen ihrer Sehbehinderung: „Das hängt mir richtig raus. Ich bin doch mehr als meine Behinderung. Sehr gefreut hätte ich mich, wenn man mich gefragt hätte, ob ich zum Beispiel mit in die Mensa möchte.“ In diesem Rahmen hätte sie sich gerne über gemeinsame Interessen ausgetauscht.

Im letzten Jahr des Bachelorstudiums zieht sie nach Berlin in eine Wohnung des Blindenhilfswerkes Berlin e.V. Zwar muss sie ab diesem Zeitpunkt pendeln und zu Beginn hat sie durch den Umzug zusätzlichen Aufwand, aber ihr eigener, unbefristeter Wohnraum gibt ihr nötige Sicherheit.

Seit 2019 macht sie ihre Therapeutenausbildung. Ihr erstes Praktikum absolviert sie in einem Pflegeheim für psychisch Kranke. Wegen Corona muss sie sich auf eine Station festlegen und wählt den Bereich Demenz. Sie sagt, dass das eine bewusste Entscheidung war: „Weil demenzkranke Menschen oft hinten herunterfallen. Rein nach dem Motto ‚Da kann man therapeutisch sowieso nichts mehr reißen‘.“ Die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen sie gut auf. „Gefühlt machte es denen gar nichts aus, dass ich stark sehbehindert bin. Sie mochten mich gerne. Nur einer war muffelig, aber der war zu allen so.“, erinnert sie sich und lacht.

Ihr zweites Praktikum macht sie gerade in einem Krankenhaus auf der Station der Gerontopsychologie. Mit älteren Menschen, die psychisch erkrankt sind, führt sie verschiedene Tests durch. Dieses Mal steht ihr eine Assistenz zur Seite, die vieles erleichtert. Diese schreibt mit und hilft dabei, den Patienten Dinge für die Screenings zu zeigen. Bis sie die Zusage dafür erhielt, dauerte es lange. Stefanie Heller erzählt, dass letztendlich nur juristischer Druck geholfen hatte, um ihren Anspruch durchzusetzen.

Aus dem Sicherheitsbedürfnis heraus strebte sie zu Beginn des Studiums eine Festanstellung an. Durch ihre Arbeitserfahrungen hat sie das allerdings inzwischen wieder verworfen. Weil ihre Sehbeeinträchtigung in der Arbeitswelt zu Mehraufwand für viele führt, hatte sie bereits oft das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen. Auch wurde vieles, was sie zusätzlich machte als selbstverständlich angesehen. Deshalb möchte sie in einer eigenen Praxis arbeiten, in der sie ihren Arbeitsplatz so gestalten kann, wie sie es braucht.

Stefanie Heller hat gelernt an ihre Träume zu glauben und ihr Können zu sehen. Auf ihrem bisherigen Weg waren ihr Wille, ihr Interesse und ihr Ehrgeiz die treibenden Kräfte. Stärke hat sie durch Unabhängigkeit und Erfolge gewonnen. Mit ihren Erfahrungen wird sie sicher in Zukunft vielen Personen helfen, die vor ähnlichen Hindernissen stehen: als Psychotherapeutin und als gutes Vorbild.

Das Bild zeigt Elfi Schwab.
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