Wofür brennen Sie, Herr Rakow?

29. März 2022 | Zum Thema

Im Rahmen unserer Feuer & Flamme-Woche haben wir acht blinde und sehbehinderte Menschen gefragt, wofür sie brennen. Einer davon ist Hartmut Rakow. Seine Leidenschaft ist inklusiv – das mag der 63-Jährige vor allem daran. Er ist selbst stark sehbehindert und findet es gut, wenn alle mitmachen können.

Wofür brennen Sie?

Ich brenne seit meiner Kindheit fürs Schachspielen. Das Schöne daran ist, dass nahezu jeder mitspielen kann. Menschen ohne Behinderungen können mit blinden, sehbehinderten, gehörlosen sowie körperbehinderten Personen zusammenspielen. Es ist auch egal, ob man jung oder alt ist. Und diese Mischung macht Schach zu etwas Besonderem, finde ich. Dass mir das am Schachspielen vor allem gefällt, habe ich allerdings erst recht spät bemerkt.

Wie sind Sie zum Schach gekommen? Wie haben Sie das gelernt?

Mein Cousin hat gesagt „Komm wir lernen jetzt Schach!“ und dann hat er mir eben die Schachregeln beigebracht – da war ich ungefähr 10 Jahre alt. Etwas später waren wir dann in einem Ferienlager, wo auch ein Schachturnier stattfand. Mit 14 Jahren bin ich dann in den Schachverein Motor Wildau eingetreten. 2023 bin ich also seit 50 Jahren dabei. Das Gute an dem Verein war damals, dass die Blindenschule in Königs Wusterhausen ganz in der Nähe war. Blinde und sehbehinderte Menschen haben dadurch schon mir vor im Verein mitgespielt. Als ich dahin kam, wussten die Leute deshalb schon alle Bescheid und ob man blind oder sehbehindert war, spielte einfach keine Rolle. Teilweise waren wir zwei oder drei blinde und sehbehinderte Spieler. Einer von uns war immer in der Mannschaft. Der Verein hat das Blindenschach im Prinzip sehr gefördert – damals wahrscheinlich unbewusst.

Der Verein hat mich unglaublich geprägt. Bis heute besteht ein großer Teil meines Freundeskreises aus Menschen, die ich 1972 im Schachverein kennengelernt habe. Und wir haben wirklich schöne Sachen erlebt – das hatte mit Schach dann aber oft weniger zu tun. (lacht)

Hartmut Rakow blickt in die Kamera und lächelt. In der rechten Hand hält er einen Pokal, auf dessen Sockel „5. Leegebrucher Himmelfahrt 2013 Gruppe B 3. Platz steht“. In seiner linken Hand hält er ein Buch mit dem Titel „Die gesammelten Partien von Robert J. Fischer“.

Es gibt ja unterschiedliche Spielarten beim Schach – was für Schach spielen Sie?

1975 habe ich begonnen mich neben dem normalen Schach mit Blindenschach zu beschäftigen. Blindenschach spielt man auf einem Zweibrettspiel. Es ist ein Steckschach, auf dem man die Figuren abtasten kannst. Die schwarzen und die weißen Figuren sind unterschiedlich gekennzeichnet. Die Schwarzen sind spitz und die Weißen sind rund. Die Regeln sind zum normalen Schach völlig identisch.

Ich habe bis kurz nach der Wende auch bei Blindenschachturnieren und Städteturnieren mitgespielt. Die fanden in Tschechien, in Polen und natürlich auch in Deutschland statt.

Nach der Wende haben wir, also die blinden Spieler aus dem Osten um Berlin herum, den Berliner Schachclub für Blindenschach gegründet. Mit diesem Verein waren wir unter anderem bei den gesamtdeutschen Mannschaftsmeisterschaften aktiv dabei. Einmal haben wir den dritten Platz erreicht. Nach ein paar Jahren mussten wir den Verein aber leider wieder auflösen, unter anderem wegen Wegzügen und Todesfällen. Seitdem spiele ich eigentlich nur noch normales Schach. Früher zu DDR-Zeiten habe ich bis zu 100 Partien im Jahr gespielt, heute sind es etwa 30.

Ich habe eine Zeit lang auch noch Fernschach gespielt. Bei dieser Spielform schickt man sich gegenseitig Postkarten bzw. E-Mails zu. Mit dem Verein Motor Wildau war ich damals Bezirksmannschaftsmeister im Fernschach. Auch bei der 1. Fernschachbundesliga habe ich im Rahmen von Vorbereitungen und Analysen mitgewirkt. Zum Fernschach gibt es übrigens noch eine schöne Geschichte: Da die Fernschacholympiade über mehrere Jahre dauert, wurde die DDR Olympiasieger, obwohl sie gar nicht mehr existierte.

Außerdem gibt es noch Blitzschach – das war auch lange Zeit ein Hobby von mir. Da hat man fünf Minuten pro Partie Zeit. Aber das ist jetzt schwierig geworden, weil mein Sehvermögen doch nachgelassen hat. Ich spiele es hin und wieder mal, aber ich habe nicht so gute Chancen zu gewinnen, weil ich mittlerweile einfach länger brauche. Beim Blitzschach war meine größte Aktion, die Teilnahme an einem 24-Stunden-Turnier in Dresden mit annähernd 200 Personen. Es wurden 108 Partien am Stück gespielt. Ich habe 33 ½ Partien gewonnen. Ein Freund von mir hatte damals gesagt „Da musste mal mitmachen!“ und dann sind wir eben dahingefahren. Das war wirklich eines meiner schönsten Erlebnisse.

Die Leute sagen oft zu mir: „Eigentlich müsstest du doch Blindenschach spielen“, aber das mag ich aber nicht so unbedingt. Zu einem Auswärtsspiel nehme ich schon ein Blindenschachspiel mit. Wenn mir die Lichtverhältnisse zu schlecht oder die Figuren irgendwie blöde zu erkennen sind, z.B., weil der Kontrast zu den Brettern zu gering ist, dann kann ich das auspacken.

Gibt es Personen, die Sie durch das Schachspielen sehr geprägt haben?

Ja, die gibt es. Das ist zum einen Reinhard Kehl, der im Bereich Blindenschach alles organisiert hat: Turniere, Meisterschaften und Trainingslager. Er war wie ein Mentor für mich – auch weil er mich unglaublich motiviert hat. Er hat immer gesagt: „Ach komm, mach mal!“ und mich in die Mannschaft für Wettkämpfe geholt.

Und beim normalen Schach ist es Helmi Walther, Hans-Dieter Oswald und Karl Brösel. Auch die haben mich sehr geprägt.

Ihre Ansprechpartnerin

Blindenhilfswerk Berlin e.V.

 

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